Fragment über LIEBEN

 

 

 

Die Liebe weiß nichts.

 

 

 

Sie ist leidenschaftlich diskret.

 

 

 

Wüsste sie etwas, würde sie schreien.

 

 

 

Denn so leidet, in ihr auch, die Welt.

 

 

 

Aber sie schweigt. Sie ist d i e LIEBE!

 

 

 

Wenn sie schreit, erzittert der Kosmos in seiner Geschichte.

 

 

 

Sie hat versprochen, nie mehr Hand an alles und alle zu legen!

 

 

 

Stattdessen: Die Liebe zittert mit allen, die Hand an sich legen.

 

 

 

Sie ist Schwester und Bruder ihnen allen – unzählige Namen.

 

 

 

Sie ist Schwester und Bruder aller Ermordeten, allen, deren Namen getilgt wurden, allen, um deren Geschick niemand mehr trauert und weiß.

 

 

 

Sie, die Liebe, ist im Lieben dem aufgeklärten-, dem traditionellen-, dem ordnenden-, dem mächtigen-, dem gewalttätigen Denken absurd.

 

 

 

Sie ist ausgesetzt und kann nie mehr sich rechtfertigen.

 

 

 

Sie ist in den Augen der gnadenlosen Welt lächerlich.

 

 

 

Sie ist in den Augen der verzweifelten Welt eine kalte Bestie.

 

 

 

Sie ist in den Augen der wissenden Welt dumm und überflüssig.

 

 

 

Sie hat Judas umarmt und Petrus und Paulus – und alle Versager mit und in ihnen.

 

 

 

Sie hat Pilatus umarmt und Nero und Hitler und Stalin und alle verachtende, zerstörende Macht, ahnend um deren tieferen Selbstzweifel und Selbsthass – völlig hoffnungslos, ohnmächtig.

 

 

 

Sie ist Liebe – und tiefer noch LIEBEN, denn das, was in und durch sie geschieht kann niemals Substantiv sein, ist ewiges Jetzt, entäußert, im werden EINST – hoffentlich.

 

 

 

Sie ist in der nackten Pupille des stöhnenden D U – DU, sei meine Schwester, sei mein Bruder!

 

 

 

Sie hat keinen Grund außer sich selbst – bodenlos, abgründig, geheimnisnah annehmend.

 

 

 

Lange hieß sie vielen Jesus und Gott – doch, wie es scheint, sie hält nicht einmal mehr an ihren ewigen Namen fest, sondern sucht D I C H in der all-einen und wie  N I C H T S  bedürftigen Weltwirklichkeit.

 

 

 

D U  L I E B E N  W I E  N I C H T S -

 

                                                                                  Markus Roentgen