Ostern, Bonner Loch

 

 

 

wir kennen einander seit Jahren

 

 

 

einmal in der Woche sehen wir uns

 

oder aneinander vorbei

 

 

 

die obdachlose Frau

 

dünn wie ein Strich

 

menschlicher Strich in den Katakomben

 

sie streicht durch die Höhlen des Bonner Bahnhofuntergrundes

 

und über die Bahnsteige

 

leise

 

sucht sie nach Geld

 

immer höflich

 

 

 

wenn sie einen Flachmann hat

 

dann sehen unsere Augen

 

einander nicht

 

 

 

dann schaut sie

 

im Gehen

 

zur Erde

 

 

 

manchmal gebe ich ihr etwas

 

manchmal nichts

 

so

 

wie es gerade ist

 

 

 

heute

 

 

 

waren ihre Augen

 

wundauf

 

ich sah

 

wie sie dreimal

 

ziemlich heftig

 

abgewiesen wurde

 

 

 

sie hat immer einen alten Trenchcoat an

 

ihre Finger sind schmutzig

 

ihre Zähne ziemlich hinüber

 

ihre Augen

 

von tiefscheuer Zärte

 

in ihrem ganz kleinen Gesicht

 

die Haare nach hinten gebunden

 

 

 

der Leib ausgeschunden

 

 

 

sie geht etwas gebückt

 

vielleicht ist sie

 

Mitte dreißig

 

wer weiß

 

schwer zu sagen

 

 

 

ich gehe zu ihr

 

ein kurzes Erkennen

 

ich gebe ihr einen kleinen Schein

 

 

 

sie schaut

 

hält meine Hand länger als sonst

 

schaut mit einer warmen Zartung

 

Blick bis in meinen Grund

 

es wird mir weich und warm

 

seelensacht

 

 

 

sie greift in ihre Einkaufstasche

 

holt eine fast ungeöffnete

 

gelbe Tulpe hervor

 

gibt sie mir

 

 

 

noch ein Blick

 

 

 

"alles Gute"

 

 

 

"frohe Ostern"

 

 

 

abgrundwund

 

 

 

abgrundgesund

 

 

 

 

 

 

 

                    markus roentgen